Leseproben
 

Christian Langegger, Teil 2 - Die Kaltag Portage

Ausschnitt aus unheimliche Begegnung:


Christoph stoppt. Wir stehen plötzlich auf einem Bärenpfad nahe dem Flussufer. Die frischen Abdrücke eines Grizzlies gemahnen uns wieder an die üblichen Vorsichtsmaßnahmen. Wir beginnen laut zu rufen, zu pfeifen und zu singen, um keinen Bären zu überraschen. Schließlich beschließen wir, das hinderliche Gepäck unter einer großen Fichte zu verstauen und den Fluss ohne Rucksack nach einer geeigneten Einstiegsstelle abzusuchen. Wir folgen dem Bärenpfad weiter in Richtung Fluss bis zu einer Gabelung. Hier entscheiden wir uns, nach links, also stromabwärts, zu marschieren. Ich habe die Waffe geschultert und gehe Christoph hinterher. Als wir das Flussufer erreichen, packe ich Christoph an der Schulter und zeige nach rechts. „Ein Grizzly!“, raune ich ihm zu und habe sofort die Waffe im Anschlag. Zwanzig Meter stromaufwärts steht er -rabenschwarz von Kopf bis Fuß! Aufgrund der Farbe könnte man im ersten Moment auf einen Schwarzbären tippen, doch der Buckel und vor allem die Größe sind eindeutige Merkmale. Wir sind zwar laut gewesen, doch durch das Rauschen des Wassers hat der Bär uns noch nicht bemerkt, er schlendert langsam weiter stromaufwärts. Hätten wir an der Gabelung die rechte Abzweigung genommen, wären wir dem Bären wohl „in die Arme“ gelaufen. Wir glauben die Begegnung schon für beendet, da macht der Bär plötzlich kehrt und geht schnurstracks auf uns zu. Der Puls schnellt in die Höhe!

Langsam kommt der Grizzly näher, ist nur noch etwa 15 Meter entfernt. Noch immer habe ich die Waffe im Anschlag und ziele auf den Kopf des schwarzen Riesen. Meine Hände beginnen zu zittern, zumal ich nicht weiß, was ich tun soll. Wenn wir ihn jetzt warnen und er sich zum Angriff entscheidet, bleiben uns wahrscheinlich genau drei Sekunden Zeit, bis er uns in der Mangel hat. Es sei denn, er wird von der einzigen Kugel gestoppt, die im oberen Lauf meiner Flinte auf die Zündung wartet. Zum Nachladen würde ich sicher keine Zeit mehr haben. Der Albtraum ist Wirklichkeit geworden – ein Grizzlybär, der pfeilgerade auf uns zugeht und keine Anstalten macht, seine Richtung zu ändern. Es ist genau die Situation, die uns beiden schon einige schlaflose Nächte beschert hat. „Wir müssen was tun!“, flüstert Christoph dicht hinter mir.

Noch zwölf Meter...

„Was?“, frage ich.

Noch zehn Meter...

„Schreien!“, schlägt Christoph vor.

„Er ist schon zu nah“, meine ich, „ich schieße!“

„Bist du wahnsinnig! Auf so einen Riesen!“

Der Grizzly hat uns immer noch nicht bemerkt und geht weiter auf uns zu.

Noch sieben Meter...

Christoph Biedermann, Teil 1 - Am Koyukuk River 
Ausschnitt aus Prolog:

Eiseskälte schüttelt mich. Schmutziges, sandiges Wasser dringt innerhalb von Sekunden durch sämtliche Schichten meiner Kleidung - bis auf die nackte Haut. Im ersten Moment nehme ich die Kälte nicht wahr, es ist alles zu schnell, zu unerwartet gekommen. Als sich unser Boot in den meterhohen Wellen plötzlich zur Seite neigt, weiß ich genau, was kommen wird, obwohl ich es mir so drastisch nie vorstellen hätte können. Ich registriere das blanke Entsetzen in Christians Blick, dann begräbt mich eine gewaltige Welle unter sich, das braune, sandige Wasser des Koyukuk schießt mir in die Nasenlöcher. 
Der Middle Fork Koyukuk River gilt an sich als leicht befahrbares Gewässer. Grund genug, auf einige Vorsichtsmaßnahmen zu verzichten. Welch ein Leichtsinn! Im acht Grad kalten Wasser weicht der anfängliche Hochmut schnell der eiskalten Wirklichkeit. Aus Ärger würde ich mir am liebsten weiß Gott wohin beißen, während ich verzweifelt versuche, dem davon treibenden Boot hinterher zu jagen, und hilflos zusehen muss, wie manch wertvoller Ausrüstungs-gegenstand das Weite sucht. Mir wird plötzlich bewusst, dass wir ohne Schwimmwesten diesen Tag nicht überleben würden.
Ich sehe zu Christian, sehe sein schmerzverzerrtes Gesicht, seine vom Eiswasser zitternden Hände. Ein Albtraum – gleich am ersten Tag, schon nach einer knappen halben Stunde auf dem Wasser! Immerhin gelingt es uns, das fliehende Kanu einzufangen. Das Boot umzudrehen, ist bei dieser Strömung allerdings fast unmöglich. Immer wieder stellen sich Wirbel und Wellen mit unglaublicher Wucht unserem Vorhaben entgegen. Genauso gut könnten wir versuchen, ein Auto umzuwerfen. Sollte die Reise wirklich schon am ersten Tag zu Ende sein? 
Endlich! Boden unter den Füßen. Wir zappeln gerade in einer Untiefe. Sofort stemmen wir uns mit aller Kraft in den Grund und ziehen dabei so kräftig am Boot, dass unsere Schreie das tosende Flussgeräusch übertönen. „Jetzt, zugleich!“, brülle ich. Mit aller Gewalt und heftigen Rucken, die uns das Rückgrat zu brechen drohen, schaffen wir das Unmögliche. Das Boot fliegt herum! Im selben Augenblick verlieren wir aber den Bodenkontakt und werfen uns auf die rettende Insel – leider zugleich und völlig unkoordiniert! Es kommt wie es kommen muss – wir kentern erneut... 

Bis vor wenigen Minuten bin ich der Meinung gewesen, dass der erste Teil unserer Reise problemlos zu bewältigen sein würde. Die insgesamt 1000 Kilometer am Fluss sollten uns doch nur zum Ausgangspunkt des wirklichen Abenteuers bringen. 
Doch schon nach diesem ersten Tag wissen wir: Das Abenteuer hat schon längst begonnen.
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Der versunkene Pfad