Leseproben
 
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Im Land der Karibus

Christoph Biedermann, Ausschnitt aus der Episode „Im Land der Karibus“:


Es wäre jetzt so leicht, denke ich. Einfach zielen, entsichern und durchziehen. Das Karibu hat uns noch nicht bemerkt, keine fünfzig Schritte steht es vor uns. Es kaut genüsslich das saftige Gras am feuchten Tundraboden, nur dann und wann scheint es etwas zu wittern, hält kurz inne, dreht uns das Haupt zu und verharrt für einige Augenblicke bewegungslos. Ich befühle nervös die Flintenlaufgeschosse in meinem Gürtel, eines davon würde ausreichen, das hundert Kilo Tier niederzustrecken!

Wir sind erstaunlich weit herangekommen, kaum zu glauben, bei dieser offenen, fast strauchfreien Landschaft! Unsere Geduld war unser Trumpf – nichts überhasten, ein, zwei Schritte gehen, dann wieder nieder, ducken und warten. Aus wenigen hundert Metern wird somit zwar ein fast einstündiger Pirschgang, doch das zeigt einmal mehr, dass die größte Waffe des Jägers die Geduld ist. Ich drehe mich vorsichtig um, hinter mir liegt Christian in ähnlicher Körper- und Gefühlslage, auch er scheint sich nicht sicher zu sein, was zu tun ist. Kein Mensch ist hier, kein Mensch wird je hierher kommen. Mit einem einzigen Schuss wären unsere Nahrungsprobleme für die nächsten Tage gelöst. Wir hätten herrliches Fleisch, müssten keine Zeit mit Fischen verschwenden, oder uns mit kleinen Flugwildhappen über Wasser halten. Ich sehe die saftigen Steaks in der Pfanne, ich male mir aus, wie herrlich Preiselbeeren dazu schmecken würden. Gedankenverloren pflücke ich zwei der überreifen Lingenberries, wie sie hier genannt werden, die überall um mich herum wachsen. Es ist kein wirklicher Notfall, denke ich, wir haben noch zu essen, wir sind nicht am verhungern! Ich darf das einfach nicht tun! Ich drehe mich noch mal um, Christian zuckt unsicher die Schultern. Wenn wir je eine Chance auf viel Fleisch haben, dann diese hier! Wieso sind wir eigentlich in dieser Situation? Eigentlich wollten wir ja Gänse jagen gehen, der Teufel weiß, was uns soweit hinaus in die Tundra gebracht hat, zwei Marschkilometer weg von unserem Lager, zu diesem einzelnen, nichts ahnenden, friedlich kauenden Karibu...

Christoph Gruber, Ausschnitt aus der Episode „Fisch! Fisch! Fisch!“:

Wieder einmal beglückt uns Alaska mit strahlendem Sonnenschein. Der Walker Lake ist ein wunderschöner großer See, der zwischen den schroffen Gipfeln der Brooks Range in der Gegend der Arrigetch Peaks ein ganzes Tal ausfüllt. Das Wasser des Walker Lake ist so klar, dass man bis in fünf Metern Tiefe tadellos sehen kann! Von Himmelblau in dunkles Marineblau übergehend fallen die Ufer steil in die Tiefe ab. Dunkelgrüne Fichtenwälder bedecken die Flanken der Berge, die über der Waldgrenze von ockerfarbenen Grashängen wie verschleiert bedeckt sind. Im Norden erkennt man hohe, von ewigem Eis bedeckte Felszacken, die in diesem Bereich den Hauptkamm der Brooks Range bilden. Gegen Süden öffnet sich das Tal und mündet in ein breiteres, dessen Sohle vom Kobuk River gebildet wird. Der See wird hier flacher, die Wälder machen dicht an dicht stehenden Büschen mit vereinzelten Fichten Platz. Dünn bewaldete Buchten bieten gute Zeltplätze und verwöhnen den Abenteurer mit geschmackvollen Beeren. An ihrem Abschluss fallen die Buchten an felsenzerklüfteten Ufern steil in den See ab und bieten hervorragende Angelplätze. Wir beschließen, einige Tage hier zu verbringen und uns auf die Nahrungsbeschaffung zu konzentrieren. Andere Abenteurer haben uns in Allakaket von mäßigem Angelerfolg erzählt: „Wir haben zu zweit in drei Tagen nur einen Hecht und eine Seeforelle gefangen!“ Die Einheimischen schwärmen aber von einem der besten Seeforellengewässer von Alaska!
Nach erfolgter Lagervorbereitung machen wir uns ausgerüstet mit Spinnruten auf den Weg zum Steilufer. Christian und Niclas verwenden große schwere Blinker, ich habe einen kleinen Forellenspinner montiert. Durch mehrere Stopps beim Einkurbeln versuchen wir den Köder tief zu führen, denn nur in den Tiefen fängt man große Seeforellen. Vorerst beißt aber nichts. Durch kräftigere Würfe versuche ich meinen leichten Köder weiter auszuwerfen. Leider endet diese Taktik mit einem Rutenbruch. Ich muss zum Lager zurückkehren, um sie zu reparieren. Als Christian und Niclas später ebenfalls am Zeltplatz ankommen bringen sie eine circa ein Kilogramm schwere Seeforelle mit. Aus Erzählungen hörten wir jedoch von Lake-Trouts mit zwanzig Kilo! Alles Fischerlatein? Oder hat Christian tatsächlich eine "Kleinere" gefangen? Wir zerlegen und filetieren den Fisch, dessen kräftig orangefarbenes Fleisch unseren Appetit weckt. Die Seeforelle schmeckt besser als alles, was wir bisher gegessen haben!

Christian Langegger, Ausschnitt aus der Episode „Bären“:


Heute ist Dienstag, der 14. August, und es ist schon früher Abend. Bereits tagsüber konnten wir zehn Äschen und mehrere Gänse erbeuten, das Abendessen ist also gesichert. Grischi ist gerade dabei, Reis mit Gänseleber und die Fische zuzubereiten. Niclas und Christoph sammeln unweit des Lagers Blaubeeren, während ich die beiden Zelte aufstelle. Ich sehe mich noch einmal an der prächtigen Abendstimmung in diesem wunderschönen Tal satt und genieße die Ruhe, die nur durch das ferne Knistern des Feuers unterbrochen wird. Nach einem so langen „Arbeitstag“ tut es gut, endlich einmal alleine zu sein, um den ganzen Tag und seine Eindrücke verarbeiten zu können. Ein Plätschern im Fluss etwas stromaufwärts von mir lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich sehe einen Biber mit einem kleinen Ast im Maul den Redstone River überqueren. Als ich das friedliche Tier beobachte, bemerke ich plötzlich ca. 50 Meter weiter ein schwarzes Fell im Gebüsch. „Ein Grizzly!“, schießt es mir durch den Kopf, und er zieht genau auf unseren Zeltplatz zu! Ich blicke zu meinen Freunden. Grischi ist mit dem Kochen beschäftigt und die beiden anderen haben ihre Aufmerksamkeit nur auf die Blaubeeren gerichtet. Ich hole beide Waffen aus den Booten, bringe eine zu Grischi und sage ihm, dass er achtsam sein solle, wir würden vielleicht jeden Moment Besuch bekommen. Mit einem kurzen Pfiff und anschließenden Handzeichen warne ich Niclas und Christoph. Danach nehme ich Fotoapparat, Fernglas und Flinte und gehe dem Bären vorsichtig entgegen. Unser Zeltplatz lässt zwar wunderschöne Aussichten nach Norden, Süden und Westen zu, der Blick nach Osten ist jedoch durch mannshohes Gebüsch verdeckt. Und genau dort habe ich Minuten vorher den Bären gesehen. Bereits nach zwanzig Metern Weges lichten sich jedoch die Sträucher und ich habe jetzt bessere Sicht. Christoph ist mir mit dem Zoom-Objektiv gefolgt und ich drücke ihm den Fotoapparat in die Hand. Er ist von uns beiden sicherlich der bessere Fotograf, ich wahrscheinlich der bessere Schütze, sofern ein Benützen der Waffe notwendig wird. Hinter einer abgestorbenen Wurzel finden wir Deckung und haben einen guten Überblick.